Stille Geburt und Sternenkinder
Unser Interview mit Daniela Nuber-Fischer über ein Thema, das ganz besondere Aufmerksamkeit verdient hat.
Die Schwangerschaft eines Elternpaares ist ein sehr emotionales Ereignis. Sobald es sich der Nachwuchs im Bauch gemütlich macht, bleibt emotional nämlich kein Stein mehr auf dem anderen. Stirbt während der Schwagerschaft oder Geburt das Kind können Schmerz und Trauer grausam sein.
Tot geborene oder kurz nach der Geburt verstorbene Kinder werden als Sternenkind, Engelskind oder auch Schmetterlingskind bezeichnet. In den Begriffen sind die „himmlischen“ Motive des Sterns und der Flügel aufgehoben. Im Gegensatz zu den Begriffen Fehlgeburt oder Totgeburt, die für manche Menschen sehr abwertend dem ungeborenen Lebewesen gegenüber klingen, verdeutlicht die Bezeichnung Sternenkind die intensive Bindung der Eltern gegenüber ihrem viel zu früh verstorbenen Kind.
Wir haben über dieses sehr sensible Thema mit Daniela Nuber-Fischer gesprochen.
ZM: Was war und ist Dein Antrieb, Dein Beweggrund Sterneneltern zu helfen?
Meine erste Tochter ist im Jahr 2012 in der 21. Schwangerschaftswoche still zur Welt gekommen. Ich hatte das Glück, daraufhin Menschen zu treffen, die uns als Elternpaar professionell aufgefangen und begleitet haben, sowohl als Einzelbegleitung, als auch im Kursformat. Für mich ist in der Folge bald der Gedanke gereift, auch so eine "hilfreiche Begleitung" anbieten zu wollen. Eine hilfreiche Begleitung ist so entscheidend für einen gesunden Trauerprozess. Also habe ich mich nach der Geburt meines Folgekindes angefangen weiterzubilden, um jetzt nach einigen Jahren ganz in diesem Bereich zu arbeiten.
ZM: Welche Hilfe können Betroffene von Sternenkind und Eltern im Raum München bekommen?
Die Hilfsangebote sind unterschiedlich und von der Situation abhängig. Es gibt nicht "Die" Sterneneltern und nicht die „eine“ Situation. Grob gesagt ist es so, dass es Einzelberatung gibt und Gruppenangebote. Meist sind Schwangerenberatungsstellen eine gute Anlaufstelle, aber in München gibt es auch spezialisierte Angebote. Es fällt mir jetzt schwer einige raus zugreifen. Meine Website bietet allerdings einen guten Überblick. Man muss auch schauen, was für einen selbst gut passt.
In der Sternenkindersprechstunde, die ich am Haus der Familie anbiete, erhalten die Elternpaare gemeinsam oder einzeln Beratung, entweder einmalig - quasi als Impuls - oder über einen längeren Zeitraum bis hin zu einer Folgeschwangerschaft. Die Sternenkindersprechstunde ist für alle offen, die einen Verlust in der Schwangerschaft oder rund um die Geburt erlitten haben, also auch die ganz frühen Verluste.
Neben der Einzelberatung gibt es auch Kurse und Selbsthilfegruppen, wo der Austausch mit anderen Betroffenen eine wichtige Rolle spielt. Die Selbsthilfegruppen (z.B. über Verwaiste Eltern München e.V. oder Beratungsstelle für Natürliche Geburt und Elternsein) sind offen für einzelne Elternteile und Paare, genauso wie die "Sternenelterntage", die von den Verwaisten Eltern München angeboten werden. Das sind ganztägige angeleitete Veranstaltungen, in denen es um Erinnern, Trauerbewältigung und Austausch miteinander geht.
Für die Sternenmütter speziell gibt es den Kurs "Leere Wiege Rückbildung", denn es darf nicht vergessen werden, dass die Frauen ab einer gewissen Schwangerschaftswoche eine Entbindung hinter sich haben und der Körper durch Schwangerschaft und Geburt durchaus Veränderungen durchgemacht hat. Neben der körperlichen Rückbildung ist in diesem besonderen Kurs für verwaiste Mütter auch die Trauerbewältigung ein wichtiger Fokus. Die Frauen empfinden es oft so, dass diese Kurszeit ihre Zeit mit dem Sternenkind ist, ihre Zeit für die Trauer, wo einfach sein darf, was gerade ist.
ZM: Welche Hilfsansprüche haben Sterneneltern noch?
Zum Beispiel Hebammenhilfe - das wissen die wenigsten, dass die Hebamme (auch schon bei einer frühen Fehlgeburt) zur Nachsorge kommen kann und das eine Kassenleistung ist. Meist melden sich die Frauen nur bei der Hebamme und melden sich ab, aber sie dürfen ruhig auch anrufen und sie um Unterstützung bitten.
ZM: Wie ist die Rechtslage?
Was mir noch eine Herzensangelegenheit ist: In der Rechtslage und der Medizin wird ja die Unterscheidung gemacht zwischen Babys unter und über 500 g bzw. 24. SSW (Schwangerschaftswoche), was Auswirkungen auf Mutterschutz, Bestattung und Beurkundung des Babys hat. Für trauernde Eltern sind diese Unterschiede, denke ich, irrelevant. Ich finde z.B. wichtig, dass sie in der Situation ernst genommen werden, in der sie gerade ist. Egal wie groß oder klein das Kind war: die Eltern haben ihr Kind verloren.
Ob das in der 12. Schwangerschaftswoche passiert oder in der 36. Woche oder kurz nach der Geburt - es ist nicht an uns Außenstehenden, Schmerz zu relativieren, indem wir vergleichen und Schmerz gegeneinander aufwiegen. Vielleicht schockiert uns der Tod in der 41. Woche mehr als in der 19. Woche, oder der wiederum mehr als einer vor der 12. Woche. Und vielleicht erscheint uns ein Schmerz nach einem plötzlichen unerklärlichen Tod einfacher nachzuvollziehen als nach einem Spätabbruch wegen pränataldiagnostischem Befund. Aber, Schmerz verträgt keinen Vergleich. Für Eltern, die sich meist ab einem sehr frühen Stadium in der Schwangerschaft gedanklich und emotional an das Kind binden, ist der Tod des Kindes immer und zu jedem Zeitpunkt mit Schmerz und Trauer verbunden - wenn auch in ganz unterschiedlicher Intensität. Wir wissen auch oft nicht um die Hintergründe, die auch eine Rolle spielen, z.B. ein lang gehegter Kinderwunsch oder bereits zuvor erlittene Verluste können Verstärker sein, die wir von außen gar nicht sehen. Es gilt also hier sehr rücksichtsvoll zu sein und die Eltern ernst zu nehmen. Das gilt für Fach- und Pflegepersonal in Kliniken sowie für Angehörige.
Ein schwieriger Punkt für Eltern, die ihr Kind so früh verloren haben ist die Tatsache, dass noch niemand ihr Kind richtig kannte, vielleicht auch nie gesehen hat. Aber für die Eltern war das Kind da und ein realer Mensch, dessen Verlust betrauert wird. Alle Wünsche und Hoffnungen und Vorstellungen, wie das Kind aufwachsen wird, wie es sein wird, wie die Familie sein wird, all das ist unwiderruflich vorbei und das ist ein enormer Verlust. Nicht nur das Kind, sondern alles, was man sich als Lebensentwurf mit diesem Kind erhofft und gewünscht hat. Das Baby war nur so kurz da, so dass alle Erinnerungen, die mit ihm in Verbindung stehen, umso wichtiger sind.
ZM: Wie gehst Du selbst mit den individuellen Trauersituationen um?
In der Beratung der Sternenkindersprechstunde und auch in den Kursen erlebe ich sehr unterschiedliche Umgangsweisen mit der Trauer. Mir ist wichtig, dass ich den Eltern keinen "richtigen" Weg vorschlage. Mein Anliegen ist es, ihnen dabei zu helfen, ihren Weg zu finden und sie dabei zu unterstützen. Es gibt für mich in der Trauer kein Richtig und kein Falsch. Aber gerade wenn Partner unterschiedliche Umgangs- und Ausdrucksweisen in der Trauer haben, lohnt es sich darüber miteinander im Gespräch zu bleiben.
ZM: Gehen Mütter anders mit der Trauer um, als betroffene Väter?
Diese Frage, ob Mütter anders damit umgehen ist wirklich schwer zu beantworten. Sie haben andere Voraussetzungen, weil sie körperlich viel mehr eingebunden sind und Schwangerschaft und Geburt am eigenen Leib erlebt haben, während die Schwangerschaft für den Partner manchmal sogar noch etwas abstrakt war. Grundsätzlich glaube ich aber, dass alle Menschen unterschiedlich und individuell trauern und das trifft auf die Partnerschaft natürlich genauso zu. Ich mag es nicht gerne, pauschal von den Vätern oder den Müttern reden. Ich erlebe es aber zunehmend, dass Paare gemeinsam in die Sternenkindersprechstunde kommen und die Väter das Angebot für Gespräche und Aufarbeitung gerne nutzen.
ZM: Neben den betroffenen Eltern weiß das Umfeld meist auch nicht, wie sie mit Sterneneltern umgehen sollen. Hast Du ein paar „Verhaltenstipps“ oder Hilfen, wie reagiert werden soll?
Ich frage die Eltern und Mütter in den Kursen immer wieder, welche Menschen für sie hilfreich waren und was diese richtig gemacht haben. Wichtig ist vor allem:
* Worte finden, statt wegschauen: die Mehrheit im Umfeld sagt lieber nichts aus Angst das Falsche zu sagen, und geht den Trauernden sogar aus dem Weg. Trauernde Eltern fühlen sich dadurch aber oft allein gelassen und in ihrer Trauer nicht ernst genommen. Wenn die Worte fehlen oder man nicht weiß, ob der Trauernde darüber sprechen will, dann hilft es immer ehrlich zu sein „Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll.“ Und „Willst du reden oder willst du lieber alleine sein?“
* Die Eltern, die ich erlebe, wollen mehrheitlich von ihren Kindern und Schwangerschaften erzählen. Ich würde das Umfeld ermutigen, die Eltern zu fragen, ob sie denn erzählen wollen. Und wenn nicht, dann bitte nicht beleidigt sein, - es kann auch einfach der falsche Tag oder Moment gewesen sein. Wenn man eine grundsätzliche Bereitschaft wahrnimmt, gern noch mal nachfragen.
* Das aufnehmen, was die Eltern anbieten: Wenn Eltern den Namen ihres Sternenkindes mitteilen, dann ist es schön, das aufzugreifen und den Namen auch zu verwenden und nicht nur fragen „willst du DAVON erzählen“, „wie war ES?“
* Unterschiedliche Trauer akzeptieren: Jeder geht anders mit Trauer um. Es kann auch sein, dass jemand nicht sprechen will, dass er nichts von seinem Kind erzählen will und lieber alleine ist. Wichtig ist, den Trauernden so beizustehen, wie sie es brauchen und fordern.
* Konkrete Hilfe anbieten: Manchmal reicht es, die Eltern bei ganz banalen Tätigkeiten des Alltags zu unterstützen, z.B. mit Essen, mit Besorgungen. Gerade so banale Tätigkeiten verlangen den Trauernden nämlich oft viel ab, weil sie so „sinnlos“ erscheinen. Konkrete Hilfe nützt mehr als Angebote, bei denen das „To-Do“ dann doch wieder beim Trauernden liegt, also statt „melde dich, wenn du was brauchst“ einfach sagen „was wollt ihr heute essen - ich bring es euch vorbei“ oder „Was kann ich euch konkret abnehmen“.
* Keine Horrorgeschichten erzählen à la „Ich kenne da eine, die hat das dreimal erlebt, aber jetzt hat sie zwei gesunde Kinder" - davon bleibt nur hängen, dass man noch mal einen Verlust erleben könnte und ist nicht hilfreich.
* Auf Platz 1 der besten und hilfreichsten Verhaltensweisen ist: Einfach da sein und zuhören, ohne zu beschwichtigen, ohne eigene Geschichten zu erzählen, ohne zu trösten, ohne zu sagen „jetzt wein doch nicht“ - sondern den Schmerz, der da ist, einfach mal aushalten.
* Und zusätzlich gilt: Dranbleiben! Denn wenn scheinbar alle wieder zum Alltag übergegangen sind und keiner mehr über das Kind spricht, ist es für die Eltern eben noch nicht vorbei. Wer dann noch immer da ist und nachfragt, ist besonders viel wert. Das gilt auch für wichtige Gedenktage, wie den Worldwide Candlelighting Day oder den ersten Sternengeburtstag.