Schweres Thema leicht erzählt

Aufklärungsklassiker „Mein Körper gehört mir!“ aktuell wie nie

© Loewe Verlag

In vielen Kinderzimmern steht er schon: der in viele Sprachen übersetzte Aufklärungsklassiker. „Mein Körper gehört mir!“ ist zu seinem 25. Geburtstag jetzt als erweiterte Jubiläumsausgabe zu haben.

Leider ist das Buch zur Prävention von Missbrauch aktuell wie nie. Es thematisiert erstmals auch die Gefahren digitaler Medien und enthält eine Körperlandkarte zum Selbstgestalten. Kinderbuchautorin und Illustratorin Dagmar Geisler nähert sich dem sensiblen Thema „sexueller Missbrauch“ vorsichtig und altersgerecht mit verständlichen Texten und ansprechenden Bildern. Ihre selbstbewusste Protagonistin Clara kennt ihren Körper ganz genau und weiß, dass nur sie alleine über ihn bestimmen darf. Mit klaren Botschaften ermutigt sie junge Leserinnen und Leser ab 5 Jahren, über Gefühle zu sprechen und in unangenehmen Situationen deutlich „Nein!“ zu sagen. Das Zwergerl Magazin sprach mit Dagmar Geisler über frühe Aufklärung, Grenzen setzen und die Verantwortung der Eltern.    

ZM: Tantes Schlabberkuss im Buch ist für Clara ekelig, aber ist das schon Missbrauch?

DG: Das ist zumindest ein Übergriff. Einer dieser Momente, wo das Kind wissen muss: Ich habe das Recht, mich zu wehren.

ZM: Kinder werden eher Opfer eines sexuellen Übergriffs als eines Verkehrsunfalls. Sind sich Eltern dieser Gefahr bewusst?

DG: Ich glaube, ja. Nur denken viele, dass die Gefahr von außen kommt, vom „fremden Mann hinterm Busch.“ Dass die meisten Übergriffe im weiteren familiären Umfeld stattfinden, wird eher verdrängt. 

ZM: Ihr Aufklärungsbuch gibt es nun seit 25 Jahren. Sind Kinder heute mehr gefährdet als damals?

DG: Das glaube ich nicht. Aber es wird heute mehr und offener über das Thema „Missbrauch“ gesprochen.

ZM: Gab es einen konkreten Anlass für Ihr Buch?

DG: Das Buch ist in Zusammenarbeit mit Pro Familia entstanden, als das Thema mehr in den öffentlichen Fokus gerückt ist. Zuvor war Missbrauch von Kindern ganz lange ein Tabu. 

ZM: Was kann die selbstbewusste Clara aus Ihrem Buch bei den jungen Lesern erreichen?

DG: Es geht hauptsächlich darum, sich dem Thema zu nähern. Sich zu fragen: Wie reagiere ich in solchen Situationen? Kann ich vielleicht auch mal „Nein“ sagen? Und das Selbstbewusstsein zu stärken und sich die Gewissheit zu holen, dass Neinsagen erlaubt ist. 

ZM: Was können Eltern konkret tun, um Ihr Kind vor Missbrauch zu schützen?

DG: Vor allem ihre Scheu ablegen, dass sich ihr Kind in unangenehmen Situationen deutlich, vielleicht auch mal unhöflich artikuliert. Auch „Nein“ sagen oder „Fass mich nicht an!“ muss geübt werden. 

ZM: Wir sollen mit unserem Kind offen über Gefühle und Sexualität sprechen, damit es gegen grenzverletzende Menschen gewappnet ist und Übergriffe auch benennen kann. Wie fange ich das bloß an?  

DG: Vor allem so früh wie möglich. Und das Thema zuhause wie ein ganz normales unter vielen behandeln, damit es keinen besonderen Anlauf braucht, darüber zu sprechen. Vielen Eltern fällt das schwer; deshalb müssen sie eine solch offene Gesprächskultur oft auch erst einmal selbst üben.      

ZM: Meistens kennen sich Opfer und Täter; Täter gewinnen das Vertrauen des Kindes und der Sorgeberechtigten. Hat ein Kind da überhaupt eine Chance? 

DG: Bei kleinen Grenzüberschreitungen kann sich ein aufgeklärtes Kind wehren. Bei schlimmem Missbrauch wird es schwierig. Wir können aber mit einer offenen Gesprächskultur gegensteuern. Die erleichtert es dem Kind, schnell Hilfe zu holen und verhindert das Verschweigen aus Angst. Nie darf dem Kind aber die Schuld gegeben werden, wenn es das Neinsagen nicht geschafft hat. 

ZM: Verhindert unser Schamgefühl nicht ein offenes Gespräch?

DG: Eine angeborene Scham ist ganz gesund und o.k. Zum Beispiel, um die eigene Intimsphäre zu schützen. Was anderes ist die Scham bei bewussten Übergriffen. Kinder reagieren unglaublich sensibel auf atmosphärische Stimmungen, diese Heimlichtuer-Stimmung, und wissen intuitiv: Da stimmt was nicht. Darüber können sie dann hoffentlich mit einer Vertrauensperson sprechen.       

ZM: Wie sensibilisiere ich ein Kind ohne es zu ängstigen?

DG: Schon bei kleinen Übergriffen wie dem Schlabberkuss der Tante sollte das offene Gespräch geübt werden. Dann weiß das Kind: wenn mir etwas unangenehm ist, kann ich darüber auch sprechen. Ein solches Einüben ist vor allem für weniger selbstbewusste Kinder wichtig, denen ein lautes „Nein, das möchte ich nicht!“ schwerer fällt.     

ZM: Ab wann sollte man mit Kindern über Sexualität sprechen?  

DG: Von Anfang an! Das Thema sollte so mitlaufen, damit immer klar ist: ich darf über alles sprechen. Was nicht geht: dem Kind das Thema übergriffig aufdrücken. Das Einüben einer offenen Gesprächskultur ist manchmal eine schwierige Gratwanderung. Eltern müssen dafür sorgen, dass das Kind nicht überfordert wird. Vielleicht fragen sie sich erst einmal: Wie gut können wir selbst eigentlich über den Körper und das Thema Sexualität sprechen. Die rechtzeitige Aufklärung ist auch deshalb so wichtig, weil unsere Kinder heute über die Medien sehr früh mit Inhalten konfrontiert werden, die sie nicht gut verarbeiten können. Mit altersgerechten Büchern kann man sich dem Thema gut nähern. Man schaut sich das Buch zusammen an, spricht darüber. Selbst wenn das Kind nicht gleich auf das Thema anspringt, weiß es: mein Körper und meine Gefühle sind Themen, über die man reden kann. 

Das Gespräch führte Katja von Wintzingerode-Knorr.

„Mein Körper gehört mir“, Dagmar Geisler/Pro Familia, Loewe Verlag 


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