Bereitschaftspflege: Wie eine Familie Kindern in Not ein vorübergehendes Zuhause schenkt

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© Florian Lintz, bfl-relations.de

Wenn Kinder akut in Not geraten, sind es Bereitschaftspflegefamilien, die ihnen schnell Schutz, Geborgenheit und Stabilität bieten. Mädchen und Jungen – oft von Jugendämtern wegen Kindeswohlgefährdung in Obhut genommen – finden hier für Wochen oder Monate ein vorübergehendes Zuhause. Aktuell kümmern sich in der Region elf Familien im Rahmen der Caritas Kinder- und Jugendhilfe um insgesamt 14 Kinder und Jugendliche.

Eine dieser Familien sind Martin und Nicole aus dem Landkreis Rosenheim. Sie öffnen seit vielen Jahren ihr Herz und ihr Zuhause für Pflegekinder in akuten Krisensituationen. Im Interview mit dem Zwergerl Magazin erzählen sie, warum sie sich für diese Aufgabe entschieden haben, wie sie den Alltag mit Pflegekindern erleben – und weshalb es sich trotz aller Herausforderungen lohnt, Kindern in schwierigen Lebenslagen einen sicheren Hafen zu bieten.

ZM: Wie seid ihr dazu gekommen, Pflegekinder bei euch aufzunehmen?

Nicole: Das ist jetzt fast 17 Jahre her. Wir waren vorher beide ehrenamtlich aktiv – bei der Wasserwacht und im Rettungsdienst. Als ich dann schwanger wurde, haben wir gemerkt, dass diese Dienste zeitlich nicht mehr gut in den Familienalltag passen. Unsere älteren Kinder waren schon etwas größer, also haben wir überlegt: Was können wir tun, das sinnvoll ist und in unser Leben passt?

Martin: Dann haben wir zufällig eine Zeitungsanzeige gelesen: Pflegefamilien gesucht. Wir hatten damals keine Ahnung, was das genau bedeutet, aber dachten: Mit Kindern kennen wir uns aus, das könnte etwas für uns sein. Wir haben vier eigene Kinder und durch die Wasserwacht viel Erfahrung mit Jugendgruppen. Dann kamen die ersten Gespräche mit der Caritas, und nach einer ausführlichen Überprüfung wurden wir Bereitschaftspflegefamilie.

ZM: Wie haben eure Kinder darauf reagiert?

Nicole: Wir haben ganz offen mit ihnen gesprochen. Dass es Kinder gibt, denen es nicht so gut geht, die nicht einfach in den Pool springen oder ein Eis essen können, wie sie es gewohnt sind. Und dass wir einem dieser Kinder ein Zuhause auf Zeit geben möchten. Unsere Kinder fanden das gut – und wir haben immer gesagt: Wenn euch irgendwann etwas zu viel wird, reden wir sofort darüber.

Martin: Wir haben immer sehr auf den Schutz unserer eigenen Familie geachtet. Aber unsere Kinder haben toll mitgemacht – oft haben sie eine Vermittlerrolle übernommen. Pflegekinder öffnen sich nämlich oft zuerst den anderen Kindern, bevor sie mit uns Erwachsenen sprechen. Deshalb war es uns wichtig, dass unsere Kinder wussten: Wenn ihnen etwas erzählt wird, sollen sie immer zu uns kommen.

ZM: Wie hat sich euer Familienleben dadurch verändert?

Nicole: Es ist intensiver geworden. Wir reden mehr, reflektieren gemeinsam mit unseren Kindern. Das tun wir auch dann, wenn wir gerade kein Pflegekind haben. Und zwischen zwei Pflegekindern können wir die Dauer einer Pause wählen, bis wir erneut ein Kind aufnehmen, um als Familie durchzuatmen.

Martin: Unsere Kinder haben durch die Pflegekinder gelernt, wie gut es ihnen geht. Das hat uns als Familie sehr zusammengeschweißt.

ZM: Welche Altersgruppen habt ihr aufgenommen – und wie lange bleiben die Kinder?

Nicole: Ursprünglich wollten wir Mädchen zwischen vier und zehn Jahren aufnehmen, weil wir selbst vier Töchter haben. Am Ende waren es Kinder von sieben Monaten bis 18 Jahre – Jungs und Mädchen.

Martin: Die Anfrage kommt oft ganz spontan. Wir bekommen einen Anruf, besprechen alles in der Familie – und manchmal ist das Kind eine Stunde später schon da.

Nicole: Die Kinder bleiben in der Regel zwischen vier und zwölf Monaten. Wir sagen ihnen gleich: „Du bist hier zu Besuch.“ Das gibt Sicherheit. Sie wissen: Das hier ist nur eine Station auf ihrem Weg.

ZM: Wie sieht der Alltag mit einem Pflegekind bei euch aus?

Martin: Ganz normal – Frühstück, Schule, Hausaufgaben, Freizeit. Wir unternehmen viel mit den Kindern, gehen oft zum Schwimmen oder einfach mal ein Eis essen. Viele Kinder kennen so einen geregelten Tagesablauf nicht. Ein Mädchen hat zum Beispiel eine ganze Woche lang nicht gesprochen. Nach zwei Tagen fragte sie ganz leise: „Darf ich auf Toilette?“ Das war das einzige, was sie in der ersten Woche sagte. Sie hatte sich vorher in die Hose gemacht, weil sie sich nicht getraut hatte, zu fragen. Später erfuhren wir, dass sie zuhause meist nicht auf die Toilette durfte.

Nicole: Diese Kinder lernen bei uns, was Alltag bedeutet. Manche Kinder essen anfangs fast nichts, andere viel zu viel – weil sie zuhause nichts oder zu wenig bekamen. Und sie sind oft überrascht, wenn wir sie einfach nur umsorgen. Neulich sagte unser aktuelles Pflegekind: „Wir mussten bei Gewitter immer zu Fuß zur Schule.“ Ich habe ihr erklärt: „Hier nicht. Ich will, dass du sicher ankommst.“ Da hat sie gemerkt: Hier kümmert sich jemand.

ZM: Wie schafft ihr es, Vertrauen aufzubauen?

Nicole: Indem wir keinen Druck machen. Die Kinder dürfen erstmal ankommen. Sie merken schnell, dass wir da sind – einfach so, ohne etwas zu erwarten.

Martin: Die meisten Kinder schlafen in den ersten Tagen oder sogar Wochen sehr viel. Sie können sich hier zum ersten Mal entspannen. Zuhause waren sie ständig in Alarmbereitschaft – bei uns kommen sie zur Ruhe.

Nicole: Und Regeln sind wichtig – klare, verlässliche Strukturen. Das kennen viele Kinder nicht. Aber sie geben Sicherheit. Daraus wächst Vertrauen.

ZM: Gab es besondere Momente, die euch berührt haben?

© Zwergerl Magazin

Nicole: Viele. Die meisten Geschichten der Kinder berühren mich. Wenn man erfährt, was die Kinder erleben mussten, ist das schon ergreifend. Aber es gibt auch viele schöne Momente, die in Erinnerung bleiben: wenn traurige Kinder plötzlich aufblühen, lächeln und von ihrem Tag erzählen. Unser aktuelles Pflegekind hat mir trotz des schönen Wetters gestern eine Kette gebastelt – obwohl sie eigentlich lieber draußen im Pool spielt. Eines der Kinder sagte zum Abschied: „Ich möchte mal eine Familie, bei der es genauso ist wie bei euch” – das war ein sehr bewegender Moment. Besonders berührt mich, dass wir zu fast allen ehemaligen Pflegekindern noch Kontakt haben. 

Martin: Unvergessen ist der Moment, als ein Kind mit einem Eis in der Hand dastand und nicht wusste, was es damit machen soll – weil es noch nie im Leben ein Eis gegessen hatte. Da bekommt man fast Tränen in die Augen.

ZM: Wie geht ihr mit dem Abschied um?

Martin: Professionell – das ist wichtig. Man darf keine zu enge Bindung aufbauen, auch wenn das schwerfällt.

Nicole: Wir begleiten die Kinder in ihr neues Zuhause. Wir sagen Sätze wie: „Du schaffst das!“ oder „Wir wünschen dir ganz viel Spaß!“ Danach heulen wir auch manchmal – aber nie vor dem Kind. Und jedes Kind bekommt von uns ein Erinnerungsalbum mit Fotos und kleinen Texten über die Zeit, die es bei uns verbracht hat.

ZM: Wie habt ihr die Unterstützung durch die Caritas erlebt?

Nicole: Sehr positiv. Es gibt regelmäßige Besuche, Schulungen, Gespräche. Die Betreuer hören zu, geben Impulse und zeigen mehrere Wege auf – das hat uns viel gebracht. Und gibt es mal ein Problem, sind die Betreuer rund um die Uhr erreichbar.

Martin: Diese Begleitung ist enorm wichtig. Sie gibt Sicherheit. Man weiß: Wir sind nicht allein.

ZM: Was motiviert euch, immer weiterzumachen?

Nicole: Die Kinder selbst. Ihr erstes Lächeln. Oder die Rückmeldungen Jahre später. Ein ehemaliges Pflegekind saß hier mal ganz verzweifelt am Küchentisch und wusste nicht, was sie später mal machen soll. Mein Mann hat ihr Mut gemacht. Heute studiert sie an der Kunstakademie. Solche Geschichten geben uns Kraft.

ZM: Gab es auch Zweifel?

Nicole: Ja, vor allem wenn Kinder zu ihren Eltern zurück müssen – obwohl man weiß, dass das keine gute Idee ist. Dann fragt man sich, ob es überhaupt einen Sinn hat, was wir tun. Aber am Ende zählt jeder sichere Tag, den das Kind bei uns hatte.

ZM: Was möchtet ihr anderen Familien sagen, die überlegen, ein Pflegekind aufzunehmen?

Nicole: Viele sagen: „Ich könnte das nicht.“ Aber wenn alle so denken, gäbe es keine Pflegefamilien – und die Kinder blieben in der Hölle. Man muss kein Profi sein. Man muss einfach nur Kinder mögen und bereit sein, sein Herz ein bisschen größer zu machen.

Martin: Wichtig ist, dass die ganze Familie mitzieht. Und dass man gut begleitet wird, z. B. durch die Caritas. Außerdem braucht man geeignete Räumlichkeiten – ein Hauptgrund, warum es in Städten wie München kaum noch Pflegefamilien gibt. Und dann kann man es einfach mal ausprobieren. Und wenn es nicht klappt, ist das auch okay. Aber man hat es versucht.

Nicole: Auch Alleinerziehende oder gleichgeschlechtliche Paare können Pflegekinder aufnehmen. Die Kinder brauchen keine perfekten Pädagogen – sie brauchen einfach ein normales, liebevolles Zuhause.

Martin: Und das gibt einem selbst so viel zurück. Ich kann mir ein Leben ohne Pflegekinder kaum noch vorstellen.


Tipp: Du überlegst, ob auch du einem Pflegekind ein vorübergehendes Zuhause schenken möchtest? Hier findest du alle Infos.

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