Eltern zwischen Freundschaft und Führung

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© AnnaStills

Immer mehr Eltern wollen mit ihren Kindern befreundet sein. Doch wo Nähe zur Freundschaft wird, gerät Erziehung schnell ins Wanken.

Viele Mütter und Väter wünschen sich eine besonders enge Beziehung zu ihren Kindern. Zwei Drittel der Eltern in Deutschland wollen sogar die besten Freunde ihres Nachwuchses sein, das geht aus einer Meldung der Krankenkasse Pronova BKK hervor. Doch dieser Wunsch nach einer Freundschaft kann ein harmonisches Familienleben ganz schön durcheinander bringen. Im schlimmsten Fall nehmen Eltern ihre Führungsrolle sehr zurück.

Grenzen setzen fällt schwer

Die repräsentative Studie „Familie und Erziehung 2025“* der Pronova BKK zeigt, dass 58 Prozent der Befragten ihrem Kind vieles durchgehen lassen. Familienpsychologin Nina Grimm sieht darin eine gut gemeinte, aber nicht immer hilfreiche Entwicklung: "Die Absicht, die Beziehung in den Mittelpunkt zu stellen, ist grundsätzlich positiv - sie stärkt die Bindung zum Kind und seinen Selbstwert." Doch: "Wenn Eltern aber Konflikte vermeiden, um die Freundschaft zum Kind nicht zu gefährden, steckt ein überhöhter Anspruch dahinter. Eltern sind Gefährten. Aber keine beste Freundin oder bester Freund."

Mehr als die Hälfte der Eltern legt Regeln inzwischen gemeinsam mit ihren Kindern fest, und 52 Prozent verzichten auf Sanktionen, selbst wenn Regeln gebrochen werden. Zum Vergleich: In ihrer eigenen Kindheit haben 60 Prozent der Befragten erlebt, dass ausschließlich die Eltern die Regeln bestimmten. Der Trend zur Mitbestimmung zeigt, wie stark sich das Rollenverständnis verändert hat. Doch auch hier mahnt Grimm zur Balance: „Kinder sind gleichwertig. Aber nicht gleichberechtigt.“

Zwischen Wunschkonzert und Vorbildrolle

Mehr als jedes fünfte Elternteil erfüllt dem Kind fast jeden Wunsch. 41 Prozent loben und unterstützen ihren Nachwuchs besonders häufig, deutlich mehr als frühere Generationen. Laut Grimm entsteht daraus oft die Vorstellung, dass das Familienleben ein Wunschkonzert sein müsse. Dabei brauchen Kinder vor allem Führung und verlässliche Grenzen, um sich sicher zu entwickeln. „Grenzen sind ein emotionales Grundbedürfnis“, betont die Psychologin.

Trotz des modernen, partnerschaftlichen Erziehungsstils sind viele Eltern überzeugt, ihrer Vorbildfunktion stets gerecht zu werden. 84 Prozent der Väter und 77 Prozent der Mütter glauben, ein gutes Beispiel abzugeben. Grimm sieht das kritisch: „Eltern weichen oft von dem ab, was wir unseren Kindern predigen: Wir knallen Türen, essen die ganze Chipstüte auf und schalten Netflix selten nach der ersten Serie ab.“

Fazit: Auch wenn es die perfekte Erziehung nicht gibt, bleibt eines entscheidend: Eltern sollen erziehen, nicht nur Freunde sein.

*Für die Untersuchung „Familie und Erziehung 2025“ befragte die Pronova BKK im März 2025 insgesamt 2.000 Mütter und Väter mit Kindern unter 16 Jahren.

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