Lunia Hara im Interview: "Als Eltern geraten wir oft in diesen Perfektionsdruck!"

Im Gespräch mit Newcomer-Autorin

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Führung bedeutet heute mehr als Ansagen und Kontrolle: Empathie, Vertrauen und echte Verbindung stehen im Zentrum des Denkens von Lunia Hara. Im Interview spricht die Autorin über ihr neues Buch „Empathische Führung“, die Parallelen und Unterschiede zwischen Familie und Firma – und darüber, warum Eltern nicht perfekt sein müssen, um Verantwortung zu übernehmen.

Am 1. Mai hat Lunia Hara die Veröffentlichung ihres ersten Buches „Empathische Führung: Wie wir die Arbeitswelt mit Mitgefühl revolutionieren“ gefeiert. In einer Zeit von Klimawandel, Pandemie, Homeoffice und dem Vormarsch von KI verändert sich die Arbeitswelt grundlegend – während Unternehmen oft höhere Leistung fordern, wünschen sich viele Mitarbeitende gleichzeitig mehr Flexibilität und eine bessere Balance zwischen Arbeit und Leben. Expertin Hara zeigt, wie Führung neu gedacht werden kann: Empathie, Offenheit und Vertrauen. Im Gespräch mit dem Zwergerl-Magazin erzählt sie, warum Empathie in der Arbeitswelt so wichtig ist – und wie sich viele dieser Gedanken auch auf die Erziehung und das Familienleben übertragen lassen.

Zwergerl-Magazin: Ihr Buch trägt den Titel „Empathische Führung“. Was bedeutet dieser Begriff für Sie ganz konkret?

Lunia Hara: Für mich bedeutet empathische Führung, Menschlichkeit ins Zentrum von Entscheidungen zu stellen – nicht als nettes Extra, sondern als Haltung. Es geht darum, Mitarbeitende wirklich zu sehen: ihre Stärken, ihre Herausforderungen, ihre Perspektiven und sie dabei unterstützen, erfolgreich zu sein. Das bedeutet nicht, dass Ergebnisse unwichtig werden. Im Gegenteil: Gerade durch Vertrauen und bewusste Beziehungsgestaltung entsteht oft mehr Engagement und Klarheit. Anders als in vielen traditionellen Führungsmodellen geht es nicht um Kontrolle, sondern um Verbindung – und um die Erkenntnis, dass Führung immer auch gesellschaftliche Verantwortung trägt, weit über das eigene Team hinaus.

Zwergerl-Magazin: Warum ist gerade jetzt der richtige Zeitpunkt für dieses Buch?

Lunia Hara: Weil wir an einem Punkt stehen, an dem die alte Art zu führen nicht mehr funktioniert. Kontrolle, Druck und Ego stoßen an ihre Grenzen. Menschen fordern Sinn, Beziehung und Vertrauen. Gleichzeitig stehen wir vor großen gesellschaftlichen Herausforderungen – in Unternehmen, in der Politik, global. Wir brauchen Führung, die verbindet statt trennt.

Zwergerl-Magazin: Was entgegnen Sie kritischen Stimmen, die empathische Führung als unnötig erachten?

Lunia Hara: Ich frage dann gern zurück: Ist es wirklich unnötig, Menschen mit Respekt und Interesse zu begegnen? Empathie bedeutet nicht, alles durchgehen zu lassen oder immer nett zu sein. Es geht darum, zu verstehen, was Menschen antreibt, wo sie stehen und darauf angemessen zu reagieren. Wer das nicht tut, führt an den Menschen vorbei. Und das ist auf Dauer nicht nur ineffektiv, sondern auch teuer, weil Motivation, Kreativität und Loyalität verloren gehen.


© DVA

Infos zur Autorin:

Lunia Hara wurde 1974 in Sambia geboren. Sie ist Unternehmensberaterin und arbeitet unter dem Motto „Driving Cultural Change with Empathy.“ Die Expertin arbeitet als Director of Project Management bei Diconium, einer Agentur für Digitale Transformation. Sie ist Speakerin, Autorin und LinkedIn TopVoice 2022 und schreibt regelmäßig für die Karriereseiten des Spiegels. Ihr Buch „Empathische Führung: Wie wir die Arbeitswelt mit Mitgefühl revolutionieren“ ist am 1. Mai 2025 bei der DVA erschienen.

Infos zum Buch:

Unsere Arbeitswelt steht im Umbruch: Klimakrise, Pandemie, Homeoffice und KI verändern die Spielregeln ebenso wie der Wunsch nach mehr Flexibilität bei gleichzeitig steigenden Leistungsanforderungen. Lunia Hara zeigt in Empathische Führung, wie Empathie zur Schlüsselkompetenz wird, um Mitarbeitende wirklich zu sehen, zu motivieren und langfristig zu binden – und wie jede Führungsentscheidung weit über das eigene Team hinaus Wirkung entfaltet. Anhand ihrer langjährigen Praxis gibt sie praxisnahe Tipps, wie Führungskräfte Talente fördern, sinnstiftende Arbeit ermöglichen und so dem Fachkräftemangel und Quiet Quitting wirksam begegnen. Hier gehts zum Buch.


Zwergerl-Magazin: Kann man Elternschaft und das Führen einer Firma miteinander vergleichen?

Lunia Hara: Ganz ehrlich? Ich halte den Vergleich für schwierig. Wenn ich mit meinen Kindern so umgehen würde wie mit meinen Mitarbeitenden – das wäre wirklich toll. (Lacht) Aber Familie ist ein Safe Space. Oder sollte es zumindest sein. Im besten Fall bedingungslos. Arbeit ist das nicht. In einer intakten Familie wird niemand gekündigt, egal was man angestellt hat. Da gelten andere Regeln. Hinzu kommt die emotionale Komponente: Selbst mit bester Absicht reagiere ich als Mutter anders, als ich es als Führungskraft tun würde – einfach weil die Nähe, die Geschichte und das Herz involviert sind. Führung bedeutet, Erwartungen zu klären, Leistung einzufordern, aber dabei menschlich zu bleiben. Das ist etwas anderes als Elternschaft. Wer beides gleichsetzt, vermischt zwei völlig verschiedene Beziehungsebenen.

Zwergerl-Magazin: Können Eltern trotzdem etwas von guten Führungskräften lernen? 

Lunia Hara: Gute Führungskräfte zeigen, dass Verantwortung nicht Perfektion bedeutet. Sie wissen, dass sie nicht alles allein wissen oder leisten müssen. Dass es okay ist, Hilfe zu holen, zu delegieren und auch Fehler zuzugeben. Als Eltern – und besonders als Mütter – geraten wir oft in diesen Perfektionsdruck. Wir wollen in all unseren Rollen gerecht werden und laufen dabei Gefahr, uns selbst zu überfordern. Genau da kann man von guter Führung lernen: Verantwortung heißt nicht, alles richtig zu machen – sondern präsent zu sein, ehrlich zu kommunizieren und bereit zu bleiben, dazuzulernen. Und auch: sich selbst zu hinterfragen, bevor man die Schuld beim Gegenüber sucht. Das gilt im Team genauso wie zu Hause.

Zwergerl-Magazin: Welchen Beitrag kann eine Unternehmenskultur leisten, damit Eltern nicht zwischen Job und Kind zerrieben werden?

Lunia Hara: Eine gute Unternehmenskultur erkennt an, dass Eltern nicht zwei Leben führen– ein berufliches und ein privates –, sondern eins. Das bedeutet konkret: flexible Arbeitszeiten, verlässliche Meetingstrukturen, klare Prioritäten und Führungskräfte, die mitdenken. Und ja – es braucht auch ein anderes Menschenbild. Erwachsene sollten wie Erwachsene behandelt werden. Mütter zum Beispiel wissen genau, wann etwas dringend fertig werden muss. Sie organisieren innerhalb von Minuten Ersatzlösungen, rufen die Oma an, koordinieren mit anderen Eltern, damit der Job nicht liegen bleibt. Andersrum müssen sie sich rechtfertigen, wenn sie eine Stunde früher los wollen. Das ist absurd. Wer solche Verantwortung im Alltag trägt, braucht kein Misstrauen, sondern Vertrauen.

Lunia Hara lässt uns mit einer klaren Botschaft zurück: Wirtschaft und Familie sind keine Gegensätze, sondern zwei Bühnen desselben Stücks – dem Mensch‑Sein. Wer empathisch führt, entlastet Teams, fördert Kreativität und schafft Raum für echte Verantwortung. Und wer zu Hause akzeptiert, dass Verantwortung nicht Perfektion heißt, schenkt sich und den Kindern dasselbe Vertrauen.

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