Zwischen Selbstbestimmung und Überforderung: Wie Gen-Z-Eltern Erziehung neu denken

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Junge Eltern setzen auf Nähe, Freiheit und Spaß – und stoßen dabei auch an Grenzen. Eine neue Studie zeigt, wie sich Erziehungswerte wandeln und welche Herausforderungen damit einhergehen.

Erziehen, wie man es selbst gern erlebt hätte?

Eltern der Generation Z wollen vieles anders machen. Statt strenger Regeln und Leistungsdruck setzen sie auf eine kindgerechte Erziehung mit Raum für Individualität und Lebensfreude. Was ihre Kinder stark machen soll, ist oft der Versuch, das auszugleichen, was ihnen selbst als Kind gefehlt hat: emotionale Zuwendung, Verständnis und Mitbestimmung.

Die große Elternstudie „Familie und Erziehung 2025“ der Pronova BKK hat über 2000 Eltern befragt – und dabei deutlich gemacht, wie stark sich Werte und Erziehungsziele im Wandel befinden.

Gehorsam war gestern: Was jungen Eltern heute wichtig ist

Der Großteil der Gen-Z-Eltern möchte nicht die Erziehungsstile ihrer eigenen Kindheit übernehmen. Während 66 Prozent berichten, selbst mit Gehorsam und Höflichkeit erzogen worden zu sein, findet nur noch ein Bruchteil (11 Prozent) Gehorsam heute relevant. Stattdessen stehen Selbstbestimmung, Freiheit und Neugier im Vordergrund.

Rund die Hälfte der befragten Eltern nennt Selbstbestimmung als zentrales Erziehungsziel – Spaß am Leben spielt für mehr als ein Drittel ebenfalls eine wichtige Rolle. Das ist ein klares Signal: Junge Eltern wünschen sich ein erfüllteres, freieres Aufwachsen für ihre Kinder.

Die Schattenseite guter Absichten: Drei Risiken moderner Erziehung

Doch trotz bester Absichten gibt es auch Fallstricke. Familienpsychologin Nina Grimm warnt vor möglichen Überforderungen – auf beiden Seiten:

  1. Überengagement: Viele Eltern identifizieren sich stark mit der Entwicklung ihres Kindes. Was als liebevolle Begleitung beginnt, kann in eine Überfürsorglichkeit kippen, bei der Kinder zu wenig eigenen Raum für Erfahrungen bekommen.
  2. Selbstoptimierungsdruck: Wenn jede Trotzphase oder ein lautes Wort des Kindes als persönliches Scheitern empfunden wird, steigt der innere Druck. Gelassenheit im Alltag wird schwerer – besonders wenn das Umfeld kritisch reagiert.
  3. Fehlende Leistungsorientierung: Die Abkehr vom Erfolgsdenken ist nachvollziehbar – birgt aber laut Grimm auch wirtschaftliche Risiken, wenn Leistungsziele langfristig an Bedeutung verlieren.

Elternsein mit vollem Einsatz – und hoher Belastung

Erziehen mit Gefühl – das ist der Anspruch vieler junger Eltern. 90 Prozent der Befragten sagen, dass sie sich sehr aktiv in die Erziehung einbringen – deutlich mehr als es ihre eigenen Eltern getan haben. Vor allem Mütter übernehmen dabei den Löwenanteil: 44 Prozent fühlen sich für über drei Viertel der familiären Aufgaben verantwortlich.

Der Anspruch an sich selbst ist hoch. Die Gefahr dabei: Wenn das eigene Kind "nicht funktioniert", schlagen viele Eltern gedanklich sofort Alarm – dabei sind schwierige Phasen ganz normal.

Wertschätzung beginnt bei dir selbst: Tipps für mehr innere Stabilität im Elternalltag

Elternsein ist eine der herausforderndsten Aufgaben – und doch wird sie oft als selbstverständlich abgetan. Familienpsychologin Grimm rät jungen Eltern, sich selbst mehr Anerkennung und Fürsorge entgegenzubringen. Drei Säulen helfen dabei: Struktur, innere Haltung und soziale Unterstützung. Klare Tagesabläufe mit bewusst eingeplanten Pausen und Rückzugsmöglichkeiten geben Stabilität – nicht nur den Kindern, sondern auch den Erwachsenen. Auch ein realistisches Erwartungsmanagement ist wichtig: Nicht jede Mahlzeit muss perfekt, nicht jeder Nachmittag kreativ sein. Vielmehr geht es darum, sich selbst gegenüber nachsichtiger zu sein und innere Antreiber wie „Ich muss alles allein schaffen“ zu hinterfragen. Hilfe anzunehmen ist keine Schwäche, sondern eine Stärke. Und: Niemand muss Elternschaft allein stemmen. Ein stabiles Netzwerk aus Familie, Freunden oder professionellen Angeboten wie Elternkursen oder psychologischer Beratung kann enorm entlasten – und neue Perspektiven eröffnen. Wer frühzeitig auf sich achtet, schützt nicht nur die eigene Gesundheit, sondern stärkt auch langfristig die Beziehung zum eigenen Kind.

Zwischen neuen Idealen und alten Rollenbildern

Die Studie zeigt: Junge Eltern möchten vieles besser machen – näher dran sein, mehr zuhören, weniger befehlen. Doch genau das kostet Kraft. Der Wunsch nach einer erfüllenden Eltern-Kind-Beziehung kann zur Herausforderung werden, wenn Selbstfürsorge und Realität auf der Strecke bleiben.

Wichtig ist: Es gibt keine perfekte Erziehung. Authentisch sein, auch mal Fehler machen und sich Unterstützung holen – das kann helfen, den Spagat zwischen Anspruch und Alltag besser zu meistern.

Quelle: fr.de

- unterstützt durch KI -

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