Eltern als Vorbild: Was Kinder wirklich abschauen (und wie viel es dir wert sein muss)
Kinder lernen mehr durch Nachahmung als durch Erklärungen. Was Eltern als Vorbild ernst nehmen sollten und wo Perfektion nicht nötig ist.
RZ
Redaktion Zwergerl
31. März 2020·8 Min.
Eltern als Vorbild: Was Kinder wirklich abschauen (und wie viel es dir wert sein muss)
Wenn dein Kind dein Handy in der Hand hält und dich anschaut
Es gibt einen Moment, den fast alle Eltern kennen. Du sitzt am Sonntagmorgen mit dem Handy in der Küche, checkst kurz was, und dein zweijähriges Kind hält dir mit todernstem Gesicht die eigene Spielzeug-Fernbedienung ans Ohr und tut, als würde es telefonieren. Oder es setzt sich mit dem Bilderbuch neben dich und scrollt mit dem Zeigefinger über die Seiten, so wie du am Bildschirm.
In genau diesen Momenten verstehst du, was Pädagoginnen mit „Kinder lernen durch Nachahmung" meinen. Nicht durch Erklärungen. Nicht durch Verbote. Sondern durch das, was sie täglich sehen. Und das ist manchmal unbequem, weil es einen Spiegel vorhält, in den man nicht immer schauen will.
Dieser Artikel handelt nicht davon, ein perfektes Vorbild zu sein. Das ist niemand. Er handelt davon, welche drei oder vier Dinge dein Kind wirklich abschaut und wo du Perfektion getrost sein lassen kannst.
Warum Kinder Verhaltensweisen kopieren
Kinder lernen in den ersten sechs Lebensjahren zum größten Teil durch Modell-LernenArtikelWas ist gute Erziehung? – Ein Wegweiser für junge Eltern. Der Begriff kommt vom Psychologen Albert Bandura und beschreibt, dass Kinder ihre Verhaltensweisen an den Erwachsenen orientieren, denen sie am nächsten stehen. In der Praxis sind das fast immer die Eltern.
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Was du deinem Kind fünfmal am Tag zeigst, ohne es zu wollen, prägt es stärker als das, was du ihm einmal erklärst. Das gilt für die schönen Dinge (Empathie, Neugier, Ausdauer) und für die weniger schönen (Ungeduld, Ablenkung, Rechthaberei). Kinder unterscheiden dabei nicht.
Die gute Nachricht: Du bist damit nicht allein. Kein Elternteil ist immer geduldig, immer präsent, immer freundlich. Kinder lernen auch das: dass Erwachsene Fehler machen, dass sie sich entschuldigen können, dass es weitergeht. Ein Vorbild sein heißt nicht, alles richtig zu machen, sondern das eigene Verhalten bewusst wahrzunehmen.
Die vier Bereiche, in denen dein Vorbild am stärksten wirkt
Umgang mit dem Handy und BildschirmenEventMedienerziehung mit Zukunft – Kinder sicher durch die digitale Welt begleiten. Der wahrscheinlich unterschätzte Bereich der letzten zehn Jahre. Studien der Pronova BKK und anderer Krankenkassen zeigen: Ein hoher Prozentsatz der Kinder erlebt seine Eltern mit dem Handy in der Hand, teilweise sogar beim Essen und beim Zubettgehen. Kinder verinnerlichen früh: „Der Bildschirm ist wichtiger als das, was ich gerade sage."
Was hilft: bewusste Handy-freie Zonen und Zeiten. Die Küche beim Essen. Das Wickeln und Zubettgehen. Der Spielplatz. Das sind keine Verbote, das sind Grundregeln, die auch für dich gelten. Wenn du sie einhältst, lernt dein Kind zwei Dinge: dass es Prioritäten gibt, und dass es dir wichtig ist.
Umgang mit dem eigenen KörperArtikelPositives Körpergefühl von klein auf: 7 Tipps für ElternWie Kinder ihren Körper sehen, lernen sie nicht im Spiegel, sondern im Alltag. Worte, Gesten und kleine Routinen prägen ihr Körpergefühl von Anfang an. Diese sieben Impulse helfen Eltern, ihre Kinder dabei zu stärken.. Kinder beobachten sehr genau, wie ihre Eltern über sich selbst sprechen. „Ich bin zu dick", „mein Haar ist scheußlich", „ich muss unbedingt abnehmen": das prägt das Körperbild deines Kindes über Jahre. Wer im Bad vor dem Spiegel jammert, formt in seinem Kind schon die Idee, dass Körper etwas sind, mit dem man unzufrieden ist.
Was hilft: Aussagen über den eigenen Körper überprüfen. Vor dem Kind neutral bleiben, wo möglich. „Ich habe heute Rückenweh" statt „ich bin einfach zu alt für alles". Der Körper ist da, um Dinge zu tun, nicht um bewertet zu werden. Wenn das im Elternhaus normal wird, tragen Kinder das mit.
Umgang mit Frust und Konflikten. Wenn du dich mit deinem Partner streitest, hört und sieht dein Kind viel mehr, als du denkst. Nicht die Konflikte selbst sind das Problem, Konflikte sind normal. Das Problem ist der Umgang mit ihnen. Werden sie schreiend gelöst? Wird geschwiegen? Wird jemand herabgesetzt?
Was hilft: Bewusst darauf achten, wie ihr auch im Streit miteinander sprecht. Und wenn ein Streit eskaliert ist: dem Kind zeigen, wie eine Versöhnung aussieht. „Papa und Mama waren gerade laut, wir haben uns über X gestritten, jetzt reden wir wieder normal miteinander." Das ist eine der wertvollsten Lektionen fürs Leben.
Umgang mit anderen Menschen. Wie sprichst du über die Nachbarin, die dich nervt? Wie behandelst du die Kassiererin im Supermarkt an einem stressigen Tag? Wie reagierst du auf die Frau mit Kopftuch im Bus? Kinder ziehen sich ihre Weltbilder aus tausenden solcher Momente. Nicht aus deinen sonntäglichen Grundsatzreden über Toleranz.
Was hilft: Bei den kleinen Alltagsmomenten die eigene Sprache wahrnehmen. Freundlich grüßen. Bitte und Danke sagen. Andere ausreden lassen. Wenn du dich verhältst, wie du es dir für dein Kind wünschst, hat es schon die halbe Miete.
Wo du Perfektion getrost sein lassen kannst
Es gibt Bereiche, in denen Kinder nicht mehr aus dem Vorbild lernen als aus der eigenen Erfahrung. Das ist eine Entlastung:
Ernährung. Ja, wenn Eltern gesund essen, essen Kinder oft auch gesünder. Aber wenn du nicht jeden Tag Grünkohl auf dem Teller hast, ruinierst du deinem Kind nicht die Zukunft. Kinder entwickeln ihren Geschmack maßgeblich durch das, was sie selbst probieren dürfen, ohne Druck.
Sportliches. Ob du dreimal die Woche joggst oder auf dem Sofa liegst, ist für dein Kind weniger relevant als du denkst. Wichtiger ist, ob dein Kind sich selbst bewegen darf, ob es rausgeht, ob es Sportarten ausprobieren kann. Kinder brauchen nicht sportliche Eltern, sie brauchen Räume für eigene Bewegung.
Beruflicher Erfolg. „Meine Kinder sollen später auch etwas werden": diese Erwartung landet oft auf Kindern, die noch gar nicht wissen, was sie werden wollen. Was deine Kinder von dir lernen sollen, ist nicht der Erfolg selbst, sondern die Freude an einer Arbeit, die dich erfüllt. Und die Fähigkeit, dranzubleiben.
Perfekter Haushalt. Ein Kind, das in einer chaotischen aber warmen Wohnung aufwächst, hat es besser als eins in einer perfekten aber kalten. Die Wahrheit ist unglamourös: Kinder brauchen Präsenz, nicht Instagram-taugliche Regale.
Wenn du dich beim Falschen erwischst
Das ist der wichtigste Teil und der wird oft vergessen: was passiert, wenn du dich selbst mit dem Handy in der Küche erwischst, obwohl du es gerade abgeschafft hattest?
Du kannst zwei Dinge tun. Erstens: dich schuldig fühlen und weitermachen. Das lernt dein Kind: „Regeln gelten nur, wenn man Lust hat." Zweitens: laut sagen, was du gerade siehst. „Oh, ich habe das Handy in der Hand, obwohl wir uns unterhalten. Sorry. Ich leg es weg." Das lernt dein Kind: „Erwachsene machen Fehler, aber sie merken sie und ändern sich."
Diese kleine Geste, das Handy tatsächlich wegzulegen und wieder Blickkontakt aufzunehmen, ist mächtiger als jede Erziehungsrede. Nicht weil sie perfekt ist, sondern weil sie echt ist.
Die schwierigen Fälle
Vielleicht sind manche Dinge in dir tief verankert, die du deinem Kind lieber nicht weitergeben würdest. Alte Muster aus deiner eigenen Kindheit, Ängste, Reaktionen unter Stress, die du selbst nicht magst. Das ist normal, und das ist niemand, der ein guter Elternteil ist.
Was hilft: dir selbst gegenüber ehrlich sein. Wenn du merkst, dass du zum Beispiel bei Stress laut wirst, obwohl du das nicht willst, ist das der erste Schritt. Der zweite ist meistens, sich Unterstützung zu holen: ErziehungsberatungAusflugszielHaus der Familie - Elternschule (in fast jeder Gemeinde kostenlos), Elterncoach, Therapie. Sich in Frage zu stellen als Elternteil ist keine Schwäche. Es ist die Grundlage für den Wandel.
Was Kinder ihr Leben lang von dir mitnehmen sollten
Wenn du dich fragst, welche drei Dinge dein Kind in fünfzehn Jahren rückblickend über dich sagen soll, hilft dir das oft mehr als jede Ratgeberliste. Fast alle Eltern kommen dann auf ähnliche Antworten:
Meine Eltern hatten immer Zeit, wenn ich sie brauchte.
Sie haben sich für mich interessiert, auch wenn ich unbequem war.
Sie waren echt, nicht perfekt.
Sie haben sich entschuldigt, wenn sie Fehler gemacht haben.
Genau das ist es, worauf es ankommt. Und das ist erreichbar, für dich, ab morgen.
Häufige Fragen
Ab welchem Alter beginnen Kinder wirklich, mich zu kopieren? Schon Säuglinge imitieren Mimik. Zwischen zwei und vier Jahren wird Nachahmung zum wichtigsten Lernweg. Zwischen sechs und zwölf Jahren übernehmen Kinder Werte und Verhaltensweisen. In der Pubertät wenden sie sich äußerlich ab, tragen die Prägung aber lebenslang mit.
Muss ich mich vor meinen Kindern verstellen? Nein. Das Gegenteil ist wichtig. Verstellen merken Kinder sofort und lernen daraus, dass Erwachsene unaufrichtig sind. Sich bewusster verhalten heißt nicht sich verstellen. Es heißt, die Dinge, die dir am wichtigsten sind, konsequent zu leben.
Was, wenn mein Partner und ich sehr unterschiedliche Werte haben? Das ist häufiger als man denkt. Wichtig ist, dass ihr euch bei den Kernthemen (Umgang mit Konflikten, Ehrlichkeit, wie Wut gezeigt wird) gemeinsam positioniert. In vielen anderen Dingen ist Vielfalt sogar eine Bereicherung.
Was ist mit Großeltern, die andere Wertvorstellungen haben? Kinder halten das gut aus. „Bei Oma ist es anders" ist eine wichtige Lernerfahrung. Nur bei elementaren Grenzen (Sicherheit, Respekt) solltet ihr eindeutig sein.
Kann man später noch aufholen, wenn man erkennt, dass man ein schlechtes Vorbild war? Ja. Kinder sind in dieser Hinsicht bemerkenswert nachsichtig, wenn sie merken, dass Eltern sich verändern. Nicht jeder Fehler bleibt lebenslang. Was hängen bleibt, ist ein Grundgefühl: hat mich jemand ernst genommen oder nicht.
Und wenn dich dieser Text jetzt einholt
Vielleicht bist du beim Lesen an einer Stelle gestockt und hast an einen konkreten Moment gedacht. Ein Streit vor den Kindern, das Handy am Esstisch, ein harter Satz zur Nachbarin. Das ist gut. Das heißt, du schaust hin. Und schauen ist der Anfang von Wandel.
Kein Kind braucht perfekte Eltern. Es braucht Eltern, die aufmerksam sind. Die es wagen, sich selbst zu betrachten. Die sich entschuldigen, wenn sie es vermasseln. Und die weitermachen, jeden Tag ein Stück bewusster.