Ein “Elternführerschein“ soll diese erste Verunsicherung reduzieren.
ZR
Zwergerl Redaktion
21. Februar 2022·6 Min.
Wie soll ich nur mit dem Kinderwagen die drei Stufen zum Metzger hoch kommen? Warum schreit mein Baby abends und lässt sich so gar nicht mehr beruhigen? Wie soll ich mir was zu essen machen, wenn das Baby anfängt zu weinen, sobald ich es ablegen will? Werde ich jemals wieder schlafen und warum kann ich meinen Zwergerl nicht auch mal an Papa abgeben, ohne das Gefühl zu haben, mich auf ewig von meinem Kind zu trennen?
Die ersten Tage und Wochen nach der Geburt sind oft wunderschön, aber auch fürchterlich!
Ich bin selbst Mama von zwei kleinen Jungs und vor allem bei meinem Erstgeborenen standen mein Mann und ich, genau wie die meisten Eltern, vor diesen damals noch unlösbaren Problemen.
Als Eltern fühlt man sich wie in der ersten Klasse. Man fängt von null an, und das obwohl man sich doch vorher so gut eingelesen und erkundigt hat.
Ein “Elternführerschein“ soll diese erste Verunsicherung reduzieren.
Das Hebammenzentrum München unter der Leitung von Maryam Reisch in der Schwanthalerstraße bietet Kurse schon in der SchwangerschaftEventOffene Eltern Sprechstunde - Online an, die sich mit der sogenannten „Babyregulierung“ beschäftigen.
Liebevoll nennt das Zentrum diese Kurse auch den “ElternführerscheinAusflugszielHaus der Familie - ElternschuleHaus der Familie - Elternschule in Munich.“.
Maryam Reisch und ihre Angestellte Verena Spence sind Familienhebammen, das heißt sie verfügen über Zusatzqualifikationen, um besonders belastete Mütter und Familien, die einer längeren Hebammenbetreuung bedürfen, kompetent ab der Schwangerschaft bis zum ersten Lebensjahr des Kindes begleiten zu können.
Für Radio Arabella München durfte ich ein schönes Interview mit Verena Spence führen, dass ich gerne in seiner Ausführlichkeit mit allen Eltern teilen möchte. Ich glaube nämlich, dass mir so ein Kurs im Vorfeld sehr hätte helfen können.
Denn Verena Spence hat sehr gute Erfahrungen mit dem “Elternführerschein” gemacht:
„Das hilft mir unglaublich in meiner Arbeit, wenn die Mamas und Papas vorher solche oder ähnliche Kurse besucht haben, weil sich dann viele Fragen von vornherein gar nicht mehr stellen.
Ich habe seit wir diese Kurse anbieten nur noch wenige Familien, die nach 6 Wochen immer noch über Babys klagen, die nachts gar nicht schlafen, oder die stundenlang gestillt werden müssen. Probleme, die die ersten Wochen mit Baby ja wahnsinnig anstrengend machen können.“
Verena Spence macht überwiegend Nachsorge bei Münchner Mamas und Papas:
„In den allerersten Tagen nach der Geburt des Babys geht es ganz existenziell darum, dass die Nabelschnur gut verheilt, das Kind nicht auskühlt, keine Infektionen hat, das mit dem Füttern versteht, zunimmt, nicht zu viel Gewicht verliert. Also um das rein Medizinisch - Pflegerische. Danach helfen wir den Eltern oft sehr lange dabei, wie sie einen Alltag mit ihrem Baby finden und verstehen, was das Baby wann braucht.“
Oft sei es den Eltern nicht möglich zu sagen, ob das Kind ausgeschlafen ist, es genug gefuttert hat, es gerade Koliken plagen, es kuscheln oder in Ruhe gelassen werden möchte.
Genau das sei Ziel des „Elternführerscheins“, die Bedürfnisse und Willensäußerungen des Neugeborenen besser zu verstehen, damit Familien schnell eine Routine finden und es wenig Missverständnisse zwischen Babys und Eltern gibt.
Die Familienhebamme erklärt, wie so ein Kurs aussehen kann:
„Also das ist im Moment ein zweistündiger „Zoom“ - Kurs aus Pandemie - technischen Gründen.
Es werden vor allem Bindungstheorie und entwicklungspsychologische Hintergründe erklärt, damit sich Eltern sicherer fühlen.
Man lernt zum Beispiel ganz banale Sachen, wie ‚Darf man ein Baby schreien lassen, ja oder nein und warum‘, ‚Wie schläft mein Baby auch mal alleine‘, ‚Kann man ein Baby verwöhnen‘.
Also lauter Sachen, bei denen wir glauben, dass das Bauchgefühl der Eltern oftmals eigentlich das richtig ist, sie sich aber von außen oft sehr verunsichern lassen. Wir wollen die Eltern bestärken, mit diesen Tipps selbstbewusst umgehen zu können.“
Vor allem in Großstädten, wie bei uns in München und in der Region, findet Verena Spence solche Kurse im Vorfeld besonders wichtig:
„Ich habe in den Jahren bevor wir den Elternführerschein angeboten haben so viele verzweifelte Eltern gesehen, weil wir ja hier in München oft die Situation haben, dass viele keine Verwandten, keine Großeltern vor Ort haben, die helfen können. Wenn die Kinder dann nicht gut reguliert sind, also überhaupt nicht klar ist, was braucht mein Baby jetzt eigentlich, möchte es schlafen, weint es wegen Bauchweh, Hunger, Müdigkeit, dann ist oft das Ergebnis, dass das Baby rund um die Uhr bei irgendjemandem auf dem Arm hängt oder am Busen und es den Mamas und Papas nach spätestens 3 bis 6 Monaten wirklich schlecht geht, weil sie völlig erschöpft sind.“
Auch dem Thema „Hebammen Mangel“ könne man laut der Familienhebamme mit mehr Wissen im Vorfeld entgegenwirken:
„Ich glaube, wenn die Eltern gut vorbereitet sind, die Bedürfnisse des Babys zu verstehen, dann würde das für uns bedeuten, dass wir ein bisschen weniger Zeit im Wochenbett damit verbringen müssten, uns besser um die Entwicklung des Kindes kümmern und auch Kapazitäten frei machen könnten für andere Mamas, die keine Hebamme bekommen haben.“
Und auch während der Pandemie könnten solche Kurse einiges erleichtern:
„In der Pandemie ist es ja gewünscht, dass wir so wenig wie möglich vor Ort sind, um das Infektionsrisiko zu minimieren und je mehr die Eltern selber wissen und im Vorfeld verstehen, desto weniger brauchen sie unsere Hilfestellung nach der Geburt. Da reicht vielleicht nach den medizinisch pflegerischen Dingen auch einfach mal eine WhatsApp oder ein kurzes Telefonat.“
Kurse wie der „Elternführerschein“ des Hebammen Zentrums München werden eigentlich nicht von der Krankenkasse übernommen. Die Kosten belaufen sich auf 50 Euro für zwei Stunden.
Jedoch sagt Verena Spence:
„Die Krankenkassen zahlen auch IN der Schwangerschaft Hebammen Vorsorge und Hilfeleistung bei Schwangerschaftsbeschwerden. Die Anzahl der Stunden ist abhängig davon, ob die Schwangere Bedarf hat.
In der Theorie dürfte jede Schwangere aber schon an jedem Tag der Schwangerschaft die Hilfe einer Hebamme in Anspruch nehmen. Am besten wäre es aber natürlich, wenn langfristig auch die Krankenkassen solche Kurse als Kassenleistung anbieten würden. Was ich mir dennoch wünsche ist, dass die Frauen nicht nur nach einer Nachsorge Hebamme suchen, sondern sich frühzeitig erkundigen, wo sie schon im Vorfeld der Geburt Kurse besuchen und sich Wissen aneignen können.“
Das Hebammen Zentrum rät auch dazu, sich bei der Krankenkasse zu erkundigen, ob Kurse nicht doch übernommen werden. Gerade jetzt in Zeiten von Corona wären die Kassen öfter geneigt auch für Präventionsmaßnahmen zu zahlen, wenn dies bedeutet direkte Kontakte zu vermeiden.
Ich selbst bin mittlerweile glückliche Mama eines vierjährigen und eines eineinhalb jährigen Sohnes. Ich schaffe mittlerweile die Stufen beim Metzger problemlos trotz Buggy, Essen koche ich mit den Kindern zusammenDIY-IdeeRezepte während der Stillzeit, wenn sie neben mir in ihren Lerntürmen stehen und Papa bringt beide Zwerge super auch allein ins Bett.
Hätte mir das vor vier Jahren jemand gesagt, hätte ich ihm nicht geglaubt. Vielleicht hätte mir ein Kurs vorab auch dabei helfen können, ein paar Nerven zu sparen und ein paar Falten weniger zu bekommen;-)
Daher war es mir wichtig, das sehr nette Interview mit Verena Spence für Radio Arabella in aller Ausführlichkeit an Euch weiter zu geben liebe Eltern.
Ich wünsche Euch, dass ihr den entspanntesten und allein für EUCH richtigen Weg findet und eine wundervolle erste Zeit mit Euren Zwergerl.
Denn so schwer sie sein kann, diese erste Zeit, für mich war es die schönste, emotionalste, liebevollste und intensivste meines bisherigen Lebens.