Stefan ist nach der Geburt seines ersten Kindes in
Elternzeit gegangen. Ein Schritt, der auf Begeisterung aber auch
auf Unverständnis gestoßen ist. Und der ihn auch an seine eigenen
Selbstverständnis-Grenzen brachte.
RZ
Redaktion Zwergerl
29. August 2022·4 Min.
Stefan ist nach der Geburt seines ersten Kindes in ElternzeitArtikelWenn aus Paaren Eltern werdenNach der Geburt fühlt sich die Beziehung fremd an. Ehrlicher Ratgeber, warum das normal ist und mit welchen kleinen Ritualen ihr wieder zueinander findet. gegangen. Ein Schritt, der auf Begeisterung aber auch auf Unverständnis gestoßen ist. Und der ihn auch an seine eigenen Selbstverständnis-Grenzen brachte.
Zwergerl: Du hast Dich als Arbeitnehmer zu einer Familienauszeit entschlossen. Ist Ihnen diese Entscheidung leichtgefallen? War Ihre Frau auch begeistert von der Idee?
Stefan: Der Wunsch war von beiden Seiten entstanden. Einerseits weil meine Frau sich nicht vorstellen konnte ein Jahr zu Hause zu bleiben. Andererseits weil es mir wichtig war eine gesunde Basis zu unserem Sohn aufzubauen. Mein Vater war für mich in meiner Kindheit wenig anwesend und ich habe mir immer „Ersatzväter“ unterbewusst gesucht bzw. mir hat die männliche Prägung gefehlt. Die erste männliche Betreuungsperson zu meiner Zeit, während Kindergarten und Schule, war in der vierten Klasse der Grundschule. Die Entscheidung ist uns beiden sehr leichtgefallen, da wir auch beide gut verdient haben. Schon während der Hausplanung haben wir alles, dank einer guten Finanzberatung, so geplant, dass wir mit einem Gehalt gut leben können. Von meiner Frau war es auch eine Art Selbstverständlichkeit das ich auch Elternzeit mache, weil der Wunsch Kinder zu haben, im ersten Schritt mehr von mir kam.
Zwergerl: Wie hat Dein Arbeitgeber reagiert? Wie Deine Kollegen\*innen und Euer Freundeskreis?
Stefan: Im ersten Schritt positiv. Mein damaliger Arbeitgeber hatte viel Werbung gemacht, um als familienfreundlich zu gelten. Ich habe schon sehr früh meine Vorgesetzten informiert, damit jeder darauf vorbereitet war. Es gab viele Kollegen, die mir Glückwünsche mitgegeben haben, auch mit dem Hinweis, hätten sie den Mut und die Möglichkeiten gehabt, sie hätten es genauso gemacht. Ich spürte oft eine Art von Bedauern über die fehlende wertvolle Zeit der ersten Jahre mit ihren Kindern, weil der Fokus doch mehr auf dem Beruf lag. Natürlich gab es auch einige Mitmenschen, die nichts damit anfangen konnten. Spannenderweise war es egal, ob es Männer oder Frauen waren, es war eher eine Frage der Prägung. Mein direkter Freundeskreis fand es sehr positiv. Im Bekanntenkreis meiner Frau und im direkten Regensburger Umfeld waren die Reaktionen sehr unterschiedlich.
Dort sind noch eher die traditionellen Rollenbilder vertreten, egal in welcher Altersgruppe. Meine Familie und Verwandtschaft konnten größtenteils gar nichts damit anfangen. Interessanterweise hat es oft nicht in die Vorstellung von Frauen gepasst, da nur Frauen die besten „Mütter“ bzw. Betreuungspersonen sein können.
Zwergerl: Erzählen uns von ein paar Erfahrungen als junger Papa mit Kind. Viele Menschen können sich womöglich nicht vorstellen, dass ein junger Papa ein Baby genau so wunderbar versorgen kann wie eine Mama…?
Stefan: Wir hatten eine HausgeburtArtikelAls Vater bei der Geburt: Erwartungen vs RealitätDie Geburt eines Kindes ist für Mütter ein Ausnahmemoment – aber auch für Väter beginnt ein neues Kapitel. Viele Männer möchten ihre Partnerin unterstützen, wissen aber nicht genau, wie. und die ersten vier Wochen nahm ich Urlaub, um für meine Familie da zu sein. Schon zu diesem Zeitpunkt habe ich alle Tätigkeiten, natürlich bis auf das Stillen, übernommen. Es ging mir leicht von der Hand, da ich dadurch auch meine Wertschätzung gegenüber meiner Frau gezeigt habe. Eine Schwangerschaft löst so viele Veränderungen im Körper aus. Ich habe es wie eine Begleitung angesehen, um die Höhen und Tiefen als Paar und auch als Familie gut zu bestehen. Bis zu meiner Elternzeit habe ich, so oft es ging, mit unserem Sohn Lorenz gespielt, Zeit verbracht, gekocht. Zugegeben war ich am Anfang der Elternzeit dann überfordert, da ich auch wusste, dass meine Elternzeitmehr als 6 Monate dauern würde. Mein Fokus lag bis dato auf Karriere, Selbstverwirklichung und einem hohen Gehalt. Meine Frau und ich haben uns gegenseitig, wie bei einem Wettrennen, hochgezogen.
Dann der Fokus auf ein Baby und das ganze Umfeld war auf Stand-By. Es dauerte ca. drei Wochen, bis ich meinen Rhythmus fand: vormittags mit Lorenz unterwegs: radeln oder wandern im Wald, Kaffee trinken in der Stadt, ins Schwimmbad gehenAusflugszielDaheim oder ich nahm ihn einfach mit ins Fitnessstudio. Meine Lebensqualität stieg sehr stark an und nebenbei hatte ich einen sehr gut durchtrainierten Körper, wie seit Studienzeiten nicht mehr. In der KrabbelgruppeEventVater-Kind-Erlebniswerkstatt trauten mir die anderen Mütter die Rolle nicht zu. Erst nachdem meine Frau einmal dabei war, und sie bestätigte, dass ihr Mann wirklich alles mache, öffneten sich die Mütter mir gegenüber. Im Alltagfühlte ich mich schon als Exot, da viele Restaurant oder Cafes die Wickelräume nicht neutral, sondern in den Frauentoiletten haben. Doch ich konnte immer auf die Hilfsbereitschaft von vielen Menschen bauen.
Mehr als die Hälfte der Passanten grüßten, wollten reden, hielten die Türe auf, Ich wurde oft gefragt, ob ich mit meinem Sohn Elternzeit machte, was ich natürlich bejahte. Auf die Frage hin, wie lange, gab es oft Irritationen bis Bewunderung. Bei vielen Paaren schaute die Frau oft ihren Mann an mit dem Hinweis, das hätte ich mir von dir auch gewünscht. Ein Baby verändert alles. Vorher hatten wir eine Paarbeziehung mit all den Freiheiten. Als Familie rücken die familiären Prägungen immer mehr in den Vordergrund. Je mehr ich mich darauf eingelassen habe, desto mehr lernte ich über mich selbst. Mein Verhalten, Prägungen, Macken, …. Lorenz hat mir alles mit einer liebevollen Klarheit gespiegelt und ich habe oft emotional reagiert, weil ich damit überfordert war. Lorenz hat mich positiv an mein Limit gebracht und ich habe mich darauf eingelassen. Damit war auch eine persönliche Weiterentwicklung meines Reifgrades möglich.