Walzer für den Werkzeugkoffer


Am Abend des 22. September, während in Shanghai Roboter Walzer tanzten und Luftakrobatinnen sich von der Decke des National Exhibition and Convention Center abseilten, um die Eröffnung der 48. Weltmeisterschaft der Berufe zu feiern, saß möglicherweise irgendwo in Bayern ein Handwerksmeister am Telefon und erklärte zum wiederholten Mal einem Berufsschullehrer, warum er in diesem Ausbildungsjahr keinen einzigen Bewerber gefunden hat. Zwei Szenen, die nichts miteinander zu tun haben, außer dass sie sich, betrachtet man sie nebeneinander, ziemlich genau ergänzen.
Mehr als 1.400 Teilnehmende aus über 70 Ländern und Regionen sind derzeit in Shanghai angetreten, in 64 Disziplinen, von der Cybersicherheit bis zum Fliesenlegen – die bislang größte Berufsweltmeisterschaft der Geschichte, wie der Veranstalter WorldSkills Germany nicht ohne Stolz vermeldet. Die Deutsche Berufe-Nationalmannschaft schickt 36 Spitzenfachkräfte in 31 Disziplinen ins Rennen, darunter einen Bäcker aus Chemnitz, eine Digital-Construction-Spezialistin aus Mainz und einen Fahrzeuglackierer aus Lüneburg. Bundeskanzler Friedrich Merz hat die Schirmherrschaft übernommen. Der Präsident der Volksrepublik China sandte ein Grußwort. Das bedeutet: Ein Land, das seit Jahren über den Mangel an Auszubildenden klagt, feiert seine 36 Besten wie eine Fußballnationalelf – mit Trikot, PreCamp und Deutschlandfahne vor der Kulisse eines chinesischen Gartenpavillons.
Die Ironie liegt dabei nicht in der Idee selbst. Wettbewerbe motivieren, das weiß man von Skispringern wie von Konditorinnen. Die Ironie liegt darin, dass es offenbar eine Weltmeisterschaft braucht, damit einem Land auffällt, was seine eigenen Handwerksbetriebe seit zwei Jahrzehnten umsonst erklären: dass ein Anlagenmechaniker, eine Fliesenlegerin oder ein Elektroinstallateur etwas können, das eben nicht jeder kann. Für die Erkenntnis, dass Ausbildung wertvoll ist, reist man nun also nach Shanghai, lässt Roboter tanzen und einen Regierungschef die Schirmherrschaft übernehmen – Dinge, die man dem Bäckerlehrling um die Ecke schwerer vermitteln kann als jedem Boulevardmedium.
