Der Einzelhandel rechnet trotzdem mit einem Plus, was preisbereinigt eher ein Nullwachstum mit Lichterkette ist, und über achtzig Prozent der befragten Händler erwarten „zurückhaltende Verbraucher" – eine Formulierung, die klingt, als handle es sich um eine seltene, scheue Vogelart und nicht um Menschen, die schlicht keine Lust mehr auf die dritte Duftkerze ihres Lebens haben. Mehr als jede oder jeder Dritte empfindet die Geschenkesuche inzwischen als Stress, was streng genommen bedeutet: Wir strengen uns redlich an, treffen aber trotzdem regelmäßig daneben. Über die Hälfte der Beschenkten kennt das Gefühl, unterm BaumEventRamba Zamba am Bahnhof höflich zu lächeln, während innerlich längst die Quittung gesucht wird. Und genau die Hälfte gibt unumwunden zu, diese Freude auch schon einmal komplett erfunden zu haben. Jedes zweite Weihnachtsgeschenk in diesem Land wird also von einer kleinen schauspielerischen Nebenleistung begleitet, für die es weder Applaus noch Gage gibt, nur ein mattes „Oh, wie schön" und die stille Frage, wo der Kassenbon steckt.
Was danach mit den Fehlgriffen passiert, ist die eigentliche Pointe des Ganzen. Beinahe die Hälfte wandert postwendend zurück ins Geschäft, gut ein Drittel wird kommentarlos weiterverschenkt, ein kleinerer Teil taucht wenig später online wieder auf, meist mit dem Zusatz „neu, ungeöffnet, aus Nichtgefallen". Weggeworfen wird so gut wie nichts, ganze ein Prozent – weniger aus Umweltbewusstsein als aus der leisen Ahnung, dass sich für jeden Unsinn irgendwann irgendwer findet, der ihn will. So zirkuliert dieselbe Wurstkabeltrommel Jahr für Jahr durch halb Bayern, wechselt Haushalt, Verpackung und Absender, ohne dass am Ende noch jemand weiß, wo sie eigentlich herkam. Konsequent ist das schon: Über sechzig Prozent können sich bereits im September nicht mehr an alle Geschenke des Vorjahres erinnern, ein gutes Zehntel weiß nicht einmal mehr, dass es überhaupt eines gegeben hat. Man schenkt sich also gegenseitig etwas, das man selbst nicht mehr will, an Menschen, die sich in neun Monaten nicht mehr erinnern werden – ein geschlossener Kreislauf von bemerkenswerter Effizienz, nur eben ohne jeden Sinn. Und weil dem modernen Menschen auch die Ideenlosigkeit nicht mehr zuzumuten ist, fragt inzwischen gut jede fünfte Person eine künstliche Intelligenz, was sie den Liebsten schenken soll. Man muss sich das kurz vorstellen: Wer den eigenen Partner nicht mehr genug kennt, um ihm etwas Passendes zu kaufen, lässt sich von einer Maschine erklären, was Zuneigung bedeuten könnte. Die Maschine wird das zuverlässig tun. Nur eben ohne zu wissen, wer da beschenkt wird.
Am Küchentisch daneben sitzt ein Zwergerl vor einem in buntes Papier gewickelten Legostein und ist, ganz ohne Umfrage, restlos glücklich. Es hat, das darf man ihm nicht verraten, noch keine Ahnung von Budgetgrenzen, Umtauschfristen oder der stillen Enttäuschung erwachsener Menschen. Es freut sich einfach, weil es einen Stein bekommen hat, und weil Papier zum Zerreißen da ist. Vielleicht ist das die einzige Statistik, die zu Weihnachten wirklich zählt: dass Freude dort am zuverlässigsten entsteht, wo noch niemand auf die Idee gekommen ist, sie nachzurechnen.