Hier wird es heikel, und hier ist Ehrlichkeit wichtiger als eine griffige These. Neben dem trägen System steht eine kulturelle Verschiebung, über die sich streiten lässt: Der Anspruch, kein Kind zurückzulassen, ist richtig und wichtig. Er kippt aber dort ins Gegenteil, wo aus „kein Kind zurücklassen" ein „von keinem Kind etwas verlangen" wird. Wer nie an einer Aufgabe scheitern darf, lernt auch nicht, an ihr zu wachsen.
Belegen lässt sich, dass sich der Rahmen stark verschoben hat. Die Studienberechtigtenquote ist von rund sechs Prozent 1960 auf fast 47 Prozent im Jahr 2020 gestiegen. Deutlich mehr junge Menschen erreichen höhere Abschlüsse – das ist ein Erfolg der Bildungsexpansion, kein Makel. Auch dass die Abiturnoten im Schnitt etwas besser geworden sind, ist dokumentiert.
Nicht belegbar ist dagegen die beliebte Zuspitzung, das heutige Abitur sei so viel wert wie früher die mittlere Reife. Der oft behauptete dramatische Niveauverlust lässt sich seriös nicht in dieser Schärfe nachweisen; eine leichte Notenmilde ja, ein Zusammenbruch des Anspruchs nein. Man sollte die Debatte also führen – aber mit dem ehrlichen Eingeständnis, dass „früher war alles schwerer" zu einem guten Teil Gefühl ist und nicht Statistik.
Was bleibt, ist eine berechtigte Frage an die Haltung: Trauen wir Kindern noch Anstrengung zu? Halten wir es aus, wenn eine Sache erst beim dritten Versuch klappt? Diese Frage trifft nicht nur Schulen, sondern uns alle als Eltern.