Wenn der Teenager gegen die Mutter austeilt: Aggression in der Pubertät



Es ist halb acht am Morgen, die Frage nach der Sportkleidung reicht, und schon fliegt euch entgegen: "Du bist so peinlich, lass mich einfach in Ruhe." Die Tür knallt. Ihr steht in der Küche und fragt euch, was gerade passiert ist, und wann aus dem Kind, das euch jeden Abend umarmt hat, jemand wurde, der euch mit Worten verletzt.
Viele Mütter berichten, dass sie die Wut deutlich häufiger abbekommen als der Vater. Für körperliche Übergriffe stützt die Fachliteratur diesen Eindruck: Laut einer Übersichtsarbeit von Wilhelm Rotthaus in der Fachzeitschrift Kontext trifft Gewalt von Kindern gegen ihre Eltern mehrheitlich die Mütter. Was sich außerdem gut erklären lässt: warum die Wut überhaupt so heftig ausfällt.
Die Pubertät beginnt früher, als die meisten Eltern rechnen. Laut dem Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen setzt sie bei Mädchen etwa ab dem 9., bei Jungen etwa ab dem 11. Lebensjahr ein. Die ersten Konflikte kommen also oft, während ihr noch denkt, dafür sei es viel zu früh.
Eine wahrscheinliche Ursache für das starke emotionale Auf und Ab sind dabei Umbauvorgänge im Gehirn. Während dieser Phase lassen Jugendliche Impulsen eher freien Lauf als Kinder oder Erwachsene und erleben plötzliche Gefühlsausbrüche, so das IQWiG. Konflikte mit den Eltern und der Schule zählen dort ausdrücklich zu den häufigen Begleiterscheinungen.
Das Deutsche Ärzteblatt fasst die Befunde großer Längsschnittstudien so zusammen: In der Adoleszenz wird das Gehirn grundlegend umgebaut. Der präfrontale Kortex, zuständig für Handlungskontrolle, Planen und Risikoabschätzung, reift später als die sensorischen und motorischen Areale. Gefühlsdruck und Impulsbremse sind also zeitlich entkoppelt. Dazu kommen eine erhöhte Risikobereitschaft und die Lust an extremen Gefühlen.
Übersetzt in den Küchenalltag heißt das: Euer Kind hat in diesem Moment tatsächlich weniger Zugriff auf die Bremse als ihr. Das entschuldigt keinen Schlag und keine Beleidigung. Es erklärt aber, warum eine Diskussion mitten im Ausbruch selten etwas bringt.
Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte beschreibt als typisch: Jugendliche werden launisch, schwanken zwischen Niedergeschlagenheit und Aggression, haben Wutausbrüche. Gleichzeitig werden Freundinnen und Freunde wichtiger als die Eltern.
Wer sich ablöst, braucht etwas, wogegen er sich abstoßen kann. Das ist meistens die Person, die am nächsten dran ist, am meisten organisiert und am verlässlichsten bleibt. In vielen Familien ist das die Mutter. Der Ausbruch gilt dann weniger euch als Person als der Abhängigkeit, die euer Kind an euch spürt und gerade nicht aushält.
Zum inneren Druck kommt der äußere. Das IQWiG weist darauf hin, dass Jugendliche heute zusätzlich in sozialen Medien auf unerreichbare Vorbilder treffen. Wie sehr das jugendliche Gehirn darauf reagiert, haben wir in einem eigenen Beitrag beschrieben: Warum das jugendliche Gehirn besonders empfindlich auf Social Media reagiert.
Auf die Frage, ob ihr zu wenig Grenzen gesetzt oder zu viel nachgegeben habt: Der Umbau im Gehirn gehört zur Pubertät dazu und findet bei allen Jugendlichen statt. Aggression in der Pubertät ist kein Beweis für ein Erziehungsversagen.
Anschreien, Beschimpfen und Türenknallen sind belastend, aber im Rahmen dessen, was Fachleute als typische Begleiterscheinung dieser Phase beschreiben. Etwas anderes ist es, wenn euer Kind euch wegstößt, festhält, schlägt, Gegenstände nach euch wirft oder euch mit Drohungen gefügig macht.
Das ist keine Erziehungsfrage mehr, sondern ein Punkt, an dem Hilfe von außen dazugehört. Das Bayerische Staatsministerium für Familie, Arbeit und Soziales benennt das ausdrücklich: Auch in akuten Krisen- und Notlagen wie bei Gewalterfahrungen können Kinder, Jugendliche und Eltern Hilfe bei einer Beratungsstelle suchen. Die Fachkräfte dort begleiten die nächsten Schritte.
Zur Rechtslage, also ab wann ein Verhalten strafbar ist und was eine Anzeige bedeutet, machen wir hier bewusst keine Angaben. Dafür bräuchte es juristische Beratung im Einzelfall, zum Beispiel über eine Beratungsstelle oder eine Anwältin für Familienrecht. Wenn akute Gefahr besteht, ist der Notruf 110 der richtige Weg, unabhängig vom Alter des Kindes.
Die häufigste Sorge von Müttern, die zum ersten Mal über so etwas sprechen, lautet: Erfährt das Jugendamt davon, und nimmt man mir mein Kind weg. Die Erziehungsberatung ist ein eigenständiges Angebot mit Schweigepflicht. Was ihr dort besprecht, wird vertraulich behandelt. Eine Ausnahme gibt es nur, wenn gewichtige Anhaltspunkte dafür bestehen, dass ein Kind oder Jugendlicher gefährdet ist, und sich die Gefahr anders nicht abwenden lässt. Dann dürfen die Fachkräfte das Jugendamt informieren, worauf sie euch in der Regel vorher hinweisen.
In Bayern stehen laut Staatsministerium rund 180 Erziehungs- und Jugendberatungsstellen bereit, jährlich nutzen über 70.000 Familien dieses Angebot. Der Bayerische Erziehungsratgeber nennt als Grund für die Kostenfreiheit den Rechtsanspruch, der für fast alle Beratungsleistungen besteht. Eltern-Kind-Konflikte, problematisches Sozialverhalten und Verhaltensauffälligkeiten gehören dort ausdrücklich zum Auftrag. In den Stellen arbeiten unter anderem Psychologinnen und Psychologen sowie Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutinnen und -therapeuten.
Wichtig für Familien, in denen das Gespräch gerade gar nicht läuft: Auch Jugendliche dürfen sich selbst an eine Beratungsstelle wenden, ohne die Eltern. Manchmal ist das der erste Faden, der wieder hält.
| Angebot | Für wen | Kosten |
|---|---|---|
| Erziehungs- und Jugendberatungsstellen in Bayern (rund 180) | Eltern und Jugendliche, auch Jugendliche allein | kostenfrei |
| bke-Onlineberatung, vom Freistaat mitgetragen | Eltern und Jugendliche, die lieber schreiben | kostenfrei |
| Elterntelefon 0800 111 0 550, Mo bis Fr 9–17 Uhr, Di und Do bis 19 Uhr | Eltern, anonym und ohne Termin | kostenfrei |
| Online-Beratungsführer der DAJEB, rund 14.700 Stellen | Suche nach Postleitzahl | kostenfrei |
Wer den persönlichen Erstkontakt scheut, kann die kostenfreie bundesweite Onlineberatung der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung nutzen, die das bayerische Familienministerium mitträgt. Für schnellen Rat ohne Termin gibt es das Elterntelefon unter 0800 111 0 550, laut Familienportal des Bundes montags bis freitags von 9 bis 17 Uhr, dienstags und donnerstags bis 19 Uhr. Träger ist Nummer gegen Kummer e. V. Über den Online-Beratungsführer der DAJEB lassen sich nach Postleitzahl Stellen in der Nähe finden, bundesweit sind dort rund 14.700 Beratungsstellen registriert.
In München gibt es daneben Anlaufstellen, die beim Sortieren helfen, etwa die Kinder- und Familieninformation im Rathaus oder, wenn es Richtung Therapie geht, Praxen wie die Praxis für Kinder- und Jugendlichentherapie.
Es gehört zur Ehrlichkeit dazu: Wer monatelang beschimpft wird, rastet irgendwann selbst aus. Das ist menschlich und trotzdem kein Weg, der weiterführt. Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung, das gilt auch für Sechzehnjährige, die größer sind als ihr. Wie weit der Gewaltbegriff reicht, haben wir in "Gewalt ist mehr, als Du denkst!" beschrieben.
Die Erziehungsberatung ist auch für diesen Punkt da. Dort geht es nicht nur um das Kind, sondern um die Frage, wie ihr selbst durch diese Zeit kommt, ohne euch zu verlieren. Das Elterntelefon ist anonym, da könnt ihr auch den Satz aussprechen, den ihr sonst niemandem sagt.
Jüngere Geschwister erleben die Ausbrüche mit und ziehen ihre eigenen Schlüsse daraus, manchmal die falschen. Es hilft, ihnen in ruhigen Momenten einen einfachen Satz zu geben: Dein Bruder ist gerade oft wütend, das hat nichts mit dir zu tun, und du musst dich nicht dazwischenstellen. Wie Aggression bei den Kleinen aussieht und was sie von der pubertären unterscheidet, lest ihr in Aggressionen bei Kleinkindern.
Die ehrliche Antwort: länger, als die meisten hoffen. Das Körperwachstum ist laut IQWiG bei Mädchen normalerweise mit 16, bei Jungen mit 19 Jahren abgeschlossen, letzte Veränderungen können bis Anfang 20 reichen. Die heftige Streitphase dauert in der Regel nicht so lange wie die Pubertät insgesamt, aber Monate statt Wochen sind normal.
Was dabei oft übersehen wird: Die Beziehung bricht in dieser Zeit selten ab, sie wird nur unsichtbarer. Viele Mütter berichten, dass die Gespräche abends am Kühlschrank wieder anfangen, lange bevor der Ton tagsüber besser wird. Mehr zu dieser Phase steht in unserem Beitrag Pubertät: Gefühlschaos für alle.
Wenn ihr euch fragt, ob ihr euch früh genug Hilfe holt: Die über 70.000 Familien, die in Bayern jedes Jahr zur Erziehungsberatung gehen, kommen nicht erst, wenn nichts mehr geht. Ein Termin ist keine Eskalation, sondern eine Entlastung, die euch zusteht.
Launenhaftigkeit, das Schwanken zwischen Niedergeschlagenheit und Aggression sowie Wutausbrüche beschreibt der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte als typisch für die Pubertät. Konflikte mit den Eltern nennt auch das IQWiG als häufige Begleiterscheinung. Normal heißt dabei nicht, dass ihr alles hinnehmen müsstet.
Die Beratung unterliegt der Schweigepflicht, wie der Bayerische Erziehungsratgeber festhält. Besprochenes wird vertraulich behandelt. Nur wenn gewichtige Anhaltspunkte für eine Gefährdung eines Kindes oder Jugendlichen bestehen und sich die Gefahr anders nicht abwenden lässt, dürfen die Fachkräfte das Jugendamt einschalten. Darauf weisen sie euch in der Regel vorher hin.
Nichts. Laut Bayerischem Staatsministerium für Familie, Arbeit und Soziales ist die Beratung in den rund 180 Stellen im Freistaat kostenfrei. Grund ist der Rechtsanspruch, der für fast alle Beratungsleistungen besteht.
Ja. Kinder und Jugendliche dürfen sich selbst an eine Beratungsstelle wenden, ohne dass die Eltern dabei sind oder davon wissen müssen. In vielen Familien ist das ein gangbarer erster Schritt, wenn das Gespräch zu Hause blockiert ist.
Stand der Angaben: 25. Oktober 2026
Recherchiert und geschrieben mit KI-Unterstützung, redaktionell geprüft und verantwortet von Katalin Hein.
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Partnerschaft & FamilieNicht allein. Das IQWiG nennt Umbauvorgänge im Gehirn als wahrscheinliche Ursache für das starke emotionale Auf und Ab, und auch diesen Umbau beeinflussen vermutlich die Pubertätshormone. Das Deutsche Ärzteblatt beschreibt, dass der für Handlungskontrolle zuständige präfrontale Kortex später reift als andere Areale.
Die Pubertät zieht sich über Jahre. Das Körperwachstum ist nach Angaben des IQWiG bei Mädchen meist mit 16, bei Jungen mit 19 Jahren abgeschlossen, einzelne Veränderungen reichen bis Anfang 20. Die besonders konfliktreiche Phase ist in der Regel kürzer, dauert aber eher Monate als Wochen.